


Manche Träume begleiten uns jahrelang, bevor wir den ersten ernsthaften Schritt in ihre Richtung machen.
Bei Nina war es der E5, der bekannte Fernwanderweg von Oberstdorf nach Meran. Nachdem sie eine Dokumentation über die Alpenüberquerung gesehen hatte, stand für sie fest: Das möchte ich irgendwann auch erleben.
Nina hatte zunächst den Gedanken: „Das schaffe ich schon.“ Inzwischen weiß sie, dass Mut nicht bedeutet, sich blind in ein Abenteuer zu stürzen. Mut kann auch heißen, die eigenen Fähigkeiten ehrlich einzuschätzen, Fragen zu stellen und mit einer kleineren Herausforderung zu beginnen.
Genau deshalb führte Ninas erster Schritt nicht direkt über die Alpen, sondern zunächst in eine Bergschule in Oberstdorf.
In Folge 104 von „Laufend Optimistisch“ erzählt sie von ihrer ersten dreitägigen Hüttenwanderung durch die Allgäuer Alpen. Von großer Hitze, vielen Höhenmetern, einem erstaunlich kleinen Rucksack, einer Nacht im Matratzenlager und der Frage, wie es sich anfühlt, allein zu einer unbekannten Gruppe zu reisen.
Vom Traum der Alpenüberquerung zur dreitägigen Feuerprobe
Nina fährt seit vielen Jahren mit ihrer Mutter zum Wandern nach Oberstdorf. Die Berge waren für sie also kein unbekanntes Terrain. Eine mehrtägige Wanderung, bei der sie ihr gesamtes Gepäck selbst trägt und auf Berghütten übernachtet, war trotzdem etwas völlig anderes.
Als sie sich in der Bergschule beraten ließ, bekam sie deshalb einen vernünftigen Rat: Bevor sie den E5 plant, sollte sie zuerst eine dreitägige Hüttentour ausprobieren.
Dabei ging es nicht allein um die Kondition. Mehrere Tage hintereinander Höhenmeter zu bewältigen, mit Gepäck zu wandern, in einem Matratzenlager zu schlafen und am nächsten Morgen wieder aufzubrechen, lässt sich schwer vom Sofa aus beurteilen. Manche Dinge muss man erleben, um herauszufinden, ob sie zu einem passen.
Also buchte Nina eine organisierte Tour durch die Allgäuer Alpen. Allein angereist und gemeinsam mit einer Gruppe und einer erfahrenen Bergführerin gewandert.
Und weil eine Premiere offenbar noch nicht Herausforderung genug war, fiel die Tour ausgerechnet auf das heißeste Wochenende des Jahres.
Drei Tage, mehr als 30 Kilometer und reichlich Höhenmeter
Gestartet wurde in Oberstdorf. Am ersten Tag legte die Gruppe rund 10,3 Kilometer und 717 Höhenmeter zurück. Der zweite Tag wurde mit 12,2 Kilometern und ungefähr 1.150 Höhenmetern deutlich anspruchsvoller. Dabei ging es nicht gleichmäßig bergauf, sondern immer wieder hinauf, hinunter und erneut hinauf bis zur Fiderepasshütte auf über 2.000 Metern. Am dritten Tag folgte der rund zehn Kilometer lange Abstieg ins Kleinwalsertal.
Die Kilometerzahlen wirken im Vergleich zu einem langen Marsch zunächst überschaubar. Höhenmeter, Hitze, anspruchsvollere Wege und der Rucksack auf dem Rücken verändern die Belastung jedoch deutlich.

Am zweiten Tag startete die Gruppe deshalb bereits um 6.30 Uhr. So erreichten sie den Gipfel am Vormittag und die Hütte, bevor die Nachmittagssonne ihre volle Kraft entfaltete. Trotzdem lagen die Temperaturen auch in den Bergen deutlich über 30 Grad.
Nina wusste aus ihrer Erfahrung mit langen Märschen, wie wichtig regelmäßiges Trinken, Essen und ein gutes Gespür für den eigenen Körper sind. Noch wichtiger war vielleicht etwas anderes: Sie wusste inzwischen, dass sie schwierige Dinge bewältigen kann.
Erfahrung bedeutet nicht, alles zu können
Im Gespräch wurde deutlich, wie sehr sich Ninas Blick auf Herausforderungen in den vergangenen Jahren verändert hat.
Als sie die Dokumentation über den E5 zum ersten Mal sah, dachte sie sinngemäß: Wenn diese Menschen das schaffen, dann schaffe ich das locker. Heute kann sie besser einordnen, was 1.000 Höhenmeter, mehrere Stunden Aufstieg und mehrere anstrengende Tage hintereinander wirklich bedeuten.
Das klingt zunächst nach weniger Selbstvertrauen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
Echtes Vertrauen in sich selbst besteht nicht aus Selbstüberschätzung. Es entsteht, wenn wir unsere Stärken kennen, unsere Grenzen ernst nehmen und trotzdem bereit sind, etwas Neues zu versuchen.
Nina ging deshalb nicht mit der Haltung „Ich muss das unbedingt schaffen“ in die Tour. Sie sagte ihrer Bergführerin sogar ausdrücklich, dass sie eine ehrliche Rückmeldung möchte, falls diese sie für überfordert hält.
Das ist kein Zeichen von Unsicherheit. Das ist Verantwortung.
Allein angemeldet und trotzdem nicht allein unterwegs
Vor der Tour zweifelte Nina weniger daran, allein anzureisen. Viel stärker beschäftigte sie die Frage, ob sie in der Gruppe mithalten könne. Was, wenn dort ausschließlich Supersportler auf sie warteten? Was, wenn sie alle aufhielt?
Auch kurz vor dem Treffpunkt meldete sich das flaue Gefühl im Bauch: Würde die Gruppe nett sein? Würden sich alle anderen bereits kennen? Würde sie als allein reisende Teilnehmerin außen vor bleiben?
Diese Sorgen lösten sich innerhalb weniger Minuten auf.
Die Gruppe bestand aus acht Teilnehmenden und der Bergführerin. Es waren Paare, Freunde, ein Vater-Sohn-Gespann und noch eine andere, allein reisende Frauen dabei. Schon vor dem Start entstanden die ersten Gespräche über Wasser, Ausrüstung und die gemeinsame Packliste.
Unterwegs blieben die kleinen Grüppchen nicht unter sich. Alle mischten sich, kamen miteinander ins Gespräch und erlebten die Tour gemeinsam.
Nina stellte sogar fest, dass es für sie ein Vorteil war, allein gekommen zu sein. Sie konnte sich leichter auf neue Menschen einlassen und gleichzeitig selbst entscheiden, wann sie Gemeinschaft und wann sie Ruhe brauchte.
Wie wenig braucht man für drei Tage?
Ninas Rucksack fasste 24 Liter und wog inklusive 1,5 Litern Wasser weniger als sechs Kilogramm. Damit gehörte er zu den leichtesten Rucksäcken der Gruppe.
Die Vorbereitung folgte einer einfachen Frage: Was brauche ich wirklich?
Nina nahm eine Wanderhose mit abnehmbaren Beinen mit, die gleichzeitig als kurze und lange Hose diente. Dazu ein Merinoshirt, das sie abends auswusch und am nächsten Morgen wieder anzog. Selbst ihr Handtuch war so klein verpackt, dass sie es mit einer Streichholzschachtel verglich.
Zu ihrer Ausrüstung gehörten außerdem gute Wanderschuhe, Wanderstöcke, Sonnen- und Regenschutz, eine Powerbank, Verpflegung und ein Hüttenschlafsack.
Auch beim Essen galt: nicht den Proviant für die gesamte Tour tragen. Die Gruppe nahm jeweils ausreichend Verpflegung für die nächste Etappe und einen kleinen Puffer mit. Auf den Hütten konnte sie Wasser, Riegel, Nüsse oder Schokolade nachkaufen.
Weniger Gepäck bedeutete für Nina nicht Verzicht um jeden Preis. Es bedeutete, jedes zusätzliche Gramm bewusst zu hinterfragen.



Schlafen im Matratzenlager und Leben mit wenig Luxus
In der ersten Nacht teilte Nina sich ein Mehrbettzimmer mit einer weiteren Teilnehmerin. In der zweiten Nacht schlief die gesamte Gruppe gemeinsam in einem Matratzenlager der Fiderepasshütte.
Ein Hüttenschlafsack * gehört dabei zur notwendigen Ausrüstung. Er ähnelt einem dünnen Bettbezug und trennt den eigenen Körper von Matratze, Kissen und Decken. Besonders charmant fand ich Ninas Erklärung, dass auf den Decken sogar das Fußende gekennzeichnet ist. Schließlich sollen die berühmten Käsemauken nicht dort landen, wo die nächste Person später ihren Kopf hinlegt.
Das Hüttenleben ist einfach. Es gibt wenig Steckdosen, wenig Privatsphäre und feste Ruhezeiten. Wanderschuhe bleiben im Schuhraum. Wer morgens früh aufbricht, legt seine Sachen am besten bereits am Vorabend bereit, damit im Schlafraum möglichst wenig Unruhe entsteht.
Nina empfiehlt Ohrstöpsel und bei Bedarf eine Schlafmaske.* Sie selbst schlief in der ungewohnten Umgebung nicht besonders gut. Die Geräusche, die anderen Menschen und das Gefühl, in ihrem Hüttenschlafsack eingewickelt zu sein, gehörten für sie zu den größeren Herausforderungen.
Trotzdem spricht sie mit großer Begeisterung von dieser Nacht.
Denn wenig Luxus bedeutet nicht wenig Erlebnis. Am Abend saßen die Menschen gemeinsam auf der Terrasse, spielten Karten und unterhielten sich. Es gab kein künstliches Licht und keinen Lärm aus dem Tal. Dafür einen Sonnenuntergang auf über 2.000 Metern, den Nina als magisch beschreibt.
Als sie am nächsten Morgen bereits kurz nach fünf Uhr wach wurde, ging sie nicht zurück ins Matratzenlager. Sie setzte sich vor die Hütte und sah der Sonne beim Aufgehen zu.
Es sind genau diese Momente, die im Kopf bleiben. Was für ein traumhaftes Foto.

Was Nina wirklich herausforderte
Die größte Herausforderung waren nicht die im Gespräch ausführlich erwähnten Bettwanzen, denen Nina übrigens nicht begegnet ist.
Es waren die Hitze, die vielen Höhenmeter und die Länge der Belastung. Es gab Stellen, an denen sie schnaufend dachte: Was mache ich hier?
Besonders am zweiten Tag forderten sie die wechselnden Auf- und Abstiege, Geröllfelder und die hohen Temperaturen. Innerlich fluchte sie nach eigener Aussage wie ein Rohrspatz. Als sie schließlich die Hütte erreichte, war sie überzeugt: Eine fünftägige oder siebentägige Tour mache ich auf keinen Fall.
Wer Nina und unsere gemeinsamen Marschgeschichten kennt, weiß allerdings, wie vorsichtig man mit dem Satz „Das mache ich nie wieder“ umgehen sollte.
Mit etwas Abstand veränderte sich ihr Blick. Die Etappe war anstrengend. Sie hatte sie trotzdem gut bewältigt. Sie kam nicht vollkommen entkräftet auf der Hütte an, sondern stolz und voller neuer Erfahrungen.
Was eine gute Bergführerin ausmacht
Nina schwärmt im Gespräch von ihrer Bergführerin Andrea. Sie kannte die Wege, hatte die Wetterlage im Blick und führte die Gruppe mit klaren Ansagen. Beim Abstieg bemerkte sie innerhalb weniger Sekunden, wenn eine Person fehlte.
Außerdem vermittelte sie Wissen über die Bergwelt, Pflanzen und Heilkräuter. Nina nahm auch einige praktische Gedanken mit:
- Wanderstöcke sollten am Berg so verwendet werden, dass sie bei einem Sturz nicht zur zusätzlichen Gefahr werden.
- Beim Bergabgehen helfen nach vorn ausgerichtete Schuhspitzen und ein kontrollierter, flüssiger Schritt.
- Wer Ausrüstung dabeihat, sollte sie auch einsetzen. Tragen muss man sie schließlich sowieso.
- Gute Vorbereitung bedeutet nicht, für jede Situation möglichst viel mitzunehmen. Entscheidend ist, das Richtige dabeizuhaben.
Diese Hinweise beschreiben Ninas Erfahrung auf ihrer geführten Tour. Gelände, Wetter und persönliche Fähigkeiten unterscheiden sich. Gerade bei einer ersten anspruchsvolleren Bergtour ist professionelle Begleitung deshalb eine vernünftige Entscheidung.
Und was wird jetzt aus dem E5?
Der Traum ist nicht verschwunden. Nina möchte den E5 weiterhin nicht ausschließen.
Gleichzeitig plant sie nicht, nach einer gelungenen Dreitagestour sofort sieben Tage über die Alpen zu laufen. Wahrscheinlicher ist zunächst eine weitere drei- oder fünftägige Tour. Eine Strecke, bei der ein Abstieg ins Tal möglich bleibt, falls sie merkt, dass die Belastung zu groß wird.
Auch das ist eine Form von Mut: einen Traum nicht aufzugeben und ihm trotzdem mit Respekt zu begegnen.




Für ein paar Tage einfach Nina sein
Ein Gedanke unseres Gesprächs hatte am Ende wenig mit Kilometern, Höhenmetern oder Ausrüstung zu tun.
Nina sagte, dass sie in diesen Momenten einfach Nina ist.
Nicht Nina, die Partnerin. Nicht Nina, die Tochter oder Freundin. Sie ist für eine Weile nicht für andere Rollen verantwortlich, sondern kann ihre eigenen Bergmomente erleben.
Genau darin liegt für mich die besondere Kraft dieser Geschichte.
Du musst dafür nicht sofort eine dreitägige Hüttenwanderung buchen. Vielleicht beginnt dein persönliches Abenteuer mit einer geführten Wanderung in deiner Umgebung, einer neuen Strecke oder einer Stunde allein im Wald.
Es geht nicht darum, dass dein Weg möglichst weit, hoch oder spektakulär sein muss. Es geht darum, dir selbst zu begegnen und herauszufinden, was längst in dir steckt.
Ninas Fazit nach drei Tagen bringt es wunderbar auf den Punkt:
Es war unglaublich anstrengend. Und es war toll.
In Folge 104 von „Laufend Optimistisch“ erzählt Nina ausführlich von ihrer ersten Hüttenwanderung, der Gruppe, dem Hüttenleben, ihren Zweifeln und den vielen kleinen Momenten, die diese Tour so besonders gemacht haben.
Hör gerne rein und schreib uns anschließend: Würdest du dich allein zu einer organisierten Hüttenwanderung anmelden?
Noch mehr zum Weiterhören
Nina war bereits im Podcast zu Gast. In unserem Gespräch über Resilienz erzählt sie, was innere Stärke für sie bedeutet und wie wir lernen können, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Du möchtest selbst mit dem Wandern beginnen, weißt aber noch nicht genau wie? Dann hör auch in diese Folge rein:
Du planst dein eigenes erstes längeres Wanderabenteuer?
Falls dein Ziel keine mehrtägige Hüttentour ist, sondern du zum ersten Mal 30 bis 50 Kilometer am Stück wandern möchtest, hilft dir meine kostenlose Packliste bei der Vorbereitung.