Heute ist Nicole zu Gast im Podcast. Wir haben uns ziemlich spontan beim Hamburg Marathon 2024 kennengelernt. Wir kannten uns vorher nicht, und trotzdem war sofort klar: Wir ticken ähnlich. Wir sind beide unseren ersten Marathon gelaufen, sie schneller im Ziel, ich wie immer mit meiner Lieblingsstrategie: vor dem Besenwagen.
Fast zwei Jahre später ist bei Nicole richtig viel passiert. Sie ist 43, arbeitet Vollzeit als Tagesmutter mit den ganz Kleinen (0 bis 3), hat drei Kinder im Teenie-Alter, ist verheiratet und trainiert seit kurzem für Triathlon. Nicht “so ein bisschen”, sondern 5 bis 6 Einheiten pro Woche. Und das ist genau der Punkt, der so viele interessiert:
Wie macht man das im echten Leben?
Was Nicole so sympathisch macht: „Ankommen ist das Ziel“
Nicole sagt einen Satz, den ich sofort unterschreiben würde:
„Ankommen ist nicht nur Ankommen – es ist DAS ANKOMMEN.“
Das ist diese Haltung, die so vielen fehlt, weil ständig irgendwer mit Zeiten um sich wirft. Weil oft suggeriert wird: unter 4 Stunden Marathon, sonst zählt es nicht. Pace 5er Schnitt, sonst bist du kein Läufer. Und Nicole sagt klar: Nein.
Genau diese Menschen will ich im Podcast haben, genau diese Botschaft weiterverbreiten. Das war einer der Gründe für mich, den Podcast zu starten.
Nicole setzt sich bewusst kein Zeitziel, weil sie sich kennt. Zeitdruck macht bei ihr eine Blockade auf. Ihr Ziel ist, durchzukommen. Gesund und mit Freude. Ja, natürlich schaut sie im Ziel auf die Zeit. Warum auch nicht. Aber sie baut ihr Training nicht auf Selbstkritik, sondern auf positive Selbstansprache.
Wie alles begann: Laufen als Kopf-frei-Macherin
Nicole hat nach „Kind 2“ mit dem Laufen angefangen. Schnell hat sie gemerkt, dass macht meinen Kopf frei. Wenn es zu laut wurde, zu viel, zu chaotisch: raus. Laufen. Luft. Ruhe. Nicht denken müssen.
Und ich glaube, genau da erkennen sich viele wieder. Bewegung ist selten nur Sport. Oft ist es Regulation.
Joey Kelly, Ironman und ein Traum, der lange gewartet hat
Und jetzt kommt ein Detail, das man so nicht in jedem Interview hört: Nicole ist ein riesiger Kelly Family Fan. Joey Kelly ist für sie ein echtes Vorbild, weil er gezeigt hat, was möglich ist, auch wenn das Leben voll ist.
Sie hatte früher eine VHS-Kassette von ihm (ja, wirklich VHS), „No Limits“, und da hat sich dieser Gedanke festgesetzt:
Ironman. Das will ich irgendwann auch.
Dann kam Leben: Ausbildung, Heirat, Mama sein. Und irgendwann kam der Moment, an dem sie gesagt hat:
Jetzt ich.
Der konkrete Auslöser war dann ganz pragmatisch: Sie hat bei Instagram den örtlichen Triathlon gesehen und sich angemeldet. Punkt. Anmeldung als Commitment.
Triathlon 2025: Von null auf Wettkampfmodus
Nicole ist 2025 in einen Triathlonverein TSV Suhlendorf eingetreten und hat sich relativ schnell einen Trainer geholt. Dann ging es los.
Bereits letztes Jahrhat sie:
- dreimal eine Sprintdistanz absolviert (750 m Schwimmen, 20 km Rad, 5 km Laufen)
- einmal olympische Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Rad, 10 km Laufen) gefinished!
Ein großes Ziel in diesem Jahr:
Ironman 70.3 Leipzig (1,9 km Schwimmen, 90 km Rad, 21,1 km Laufen)
Sie sagt dazu ehrlich: Es gibt Tage, da denkt sie: Was habe ich mir dabei gedacht?
Doch dann gibt es Tage, da ist sie komplett im Vertrauen. Weil sie weiß: Sie hat Support an der Strecke. Familie, Freunde, Menschen, die ihren Namen rufen. Wer das kennt, weiß wie gut das auf der Strecke tut.
Schwimmen: Füße im Gesicht und trotzdem weiter
Nicole sagt ganz klar: Schwimmen ist ihre größte Herausforderung. Und sie ist damit nicht allein.
Sie beschreibt den Start so, wie viele ihn erleben: Hände, Füße, Gedränge, Adrenalin, Überforderung. Und dann soll man auch noch kraulen und „performen“.
Genau hier finde ich ihren Ansatz so gesund:Sie schwimmt so, dass sie durchkommt. Brust, Rücken, wie auch immer. Keine Hilfsmittel, klar.
Aber: Ankommen geht vor Ego.
Das ist es was wir noch viel öfter gerade in den Sozialen Medien hören sollten. Nicht höher, schneller, weiter. Ankommen und Spaß haben. Über sich selbst hinauswachen. Stück für Stück und ohne Vergleiche oder gar herabwürdigende Kommentare.
Was sich wirklich verändert hat: Selbstbewusstsein, Vergleich und Prioritäten
Eine der stärksten Stellen im Gespräch ist für mich die mentale Veränderung.
Nicole sagt:
- Sie ist selbstbewusster geworden.
- Sie redet weniger negativ über sich.
- Sie hat aufgehört, sich ständig zu vergleichen.
Man sieht bei anderen nicht den Alltag. Man sieht nur das Ergebnis.
Sie sagt ganz ehrlich: Früher hat sie gesehen “die läuft schneller” und dachte, sie ist weniger diszipliniert. Heute denkt sie: Vielleicht hat die andere Person auch einfach andere Rahmenbedingungen. Keine Kinder. Weniger Arbeit. Mehr freie Abende. Andere Unterstützung.
Das ist nicht Ausrede. Das ist Kontext.
Und ganz wichtig: Nicole hat sich selbst zur Priorität gemacht. Nach 15 Jahren “alle anderen zuerst”.
Nicht gegen die Familie. Für sich. Und das strahlt am Ende auf alle aus.
Training im Alltag: nicht perfekt, aber konsequent
Ich habe sie gefragt, wie Training in so einen vollen Alltag passt. Die Antwort ist angenehm unromantisch:
Sie plant nicht ihre ganze Woche durch, sondern schaut Tag für Tag:
- Was steht morgen an?
- Wer muss wohin?
- Wie ist die Stimmung zuhause?
- Passt Training nach der Arbeit oder muss es früh morgens sein?
Sie arbeitet bis ca. 15 Uhr, und wenn es irgendwie geht, macht sie Training direkt danach. Wenn es nicht geht, dann abends. Und manchmal steht sie auch um 5 Uhr auf.
Sie nutzt diese Tools um an stressigen Tagen trotzdem dranzubleiben:
- Indoor-Rolle für Rad
- Laufband (auch wenn sie es nicht liebt)
Dazu sagt diesen Satz, den ich genau so auch total gut kenne: Training ist Training. Hauptsache gemacht.
Und was ist mit dem schlechten Gewissen als Mama?
Das kommt in der Folge auch ganz ehrlich vor. Gerade die jüngste Tochter hatte anfangs zu kämpfen, wenn Mama abends nicht zum ins Bett bringen da war. Und Nicole hatte damit selbst mental zu kämpfen. Schlechte Mama Gedanken (Klassiker?).
Meistens ist es allderings so, wenn man konsequent bleibt bzw sich einfach mal traut:
Die Familie gewöhnt sich dran. Die Kinder verinnerlichen: Mittwoch und Freitag ist Mama im Training UND
der Papa macht das mindestens genauso gut.
„Ich habe gerade ein Tief“ und warum sie trotzdem trainiert
Nicole sagt offen, dass sie gerade sogar eine Phase hat, in der sie unmotiviert ist. Wetter, Winter, Alltag, alles zäh.
Aber sie zieht durch, weil sie ihr Ziel kennt. Und weil sie weiß: Jede Einheit bringt sie ein Stück näher an ihr Ziel und sorgt dafür, dass sie im Form bleibt.
Das ist der Unterschied zwischen Motivation und Commitment.
Wenn jemand sagt: „Dafür habe ich keine Zeit“
Nicole sagt, ihr Umfeld ist da zum Glück unterstützend. Aber sie kennt die Frage: „Wie schaffst du das?“
Ihre Antwort ist klar: Du musst dich zur Priorität machen. Du brauchst ein Zeitfenster. Kein Wunder.
Und sie setzt noch einen drauf:
Sport macht nicht nur fitter, er macht auch alltagstauglicher. Ruhiger. Entspannter. Mehr du selbst. Und das spürt am Ende auch Familie.
Fazit: Das ist kein Elite-Plan. Das ist echtes Leben mit Entscheidung
Was ich aus der Folge mitnehme:
Nicole ist nicht „perfekt organisiert“. Sie ist entschieden.
Sie hat einen vollen Alltag wie viele andere auch. Und sie hat eine klare Haltung: Ich bin wichtig. Mein Körper ist wichtig. Mein Kopf ist wichtig.
Und wenn du gerade an dem Punkt bist, an dem du denkst „Bei mir geht das nicht“: Hör dir die Folge an. Nicht als Druck. Eher als leiser Stups. Vielleicht ist dein Einstieg kleiner, als du glaubst.
Hör dir die Folge an und sag uns, was du mitnimmst
Wir freuen uns über Feedback zur Folge. Ehrlich, kurz reicht völlig.
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