2025 bin ich nach 100 Kilometern und 24 Stunden und einer Minute über die Ziellinie gegangen. Am 19. September 2026 stand ich zum dritten Mal beim Großen Schlackenmarsch am Start. Mein Ziel war klar: noch einmal 100 Kilometer, diesmal möglichst in 23:55 Stunden.
Doch mein dritter Versuch endete nach 61,61 Kilometern. Nicht wegen einer Verletzung, nicht wegen Kreislaufproblemen und auch nicht, weil mir die Zeit davongelaufen wäre. Körperlich gab es keinen eindeutigen Grund, warum ich nicht hätte weitergehen können. Trotzdem habe ich mich bewusst entschieden aufzuhören.
Genau deshalb ist dieser Rückblick vielleicht wichtiger als eine weitere Geschichte über ein erfolgreiches Finish. Denn manchmal sagen die Zahlen, dass alles läuft. Und trotzdem spürst du sehr deutlich: Heute geht es für mich nicht weiter.
Kurz gesagt: Ich habe die 100 Kilometer nicht geschafft. Aber ich bin auch nicht gescheitert. Die 61 Kilometer waren eine starke Leistung und das Aufhören war an diesem Tag die richtige Entscheidung.
Mein dritter Start beim Großen Schlackenmarsch
Der Große Schlackenmarsch ist für mich etwas Besonderes. Er findet direkt in meiner Heimat statt und ist als Kleeblatt organisiert. Nach jeder Etappe kehrt man zur Basisstation in Sulzbach-Rosenberg zurück. Das erleichtert den Wechsel von Schuhen und Kleidung und man kann sich für die Nacht neu ausrüsten.
Wie schon in den vergangenen Jahren war ich gemeinsam mit Doris unterwegs. Die erste Etappe gingen wir zu zweit. Ab der zweiten Etappe begleitete uns ihr Mann Andi. Die Organisation, die Stimmung und die Unterstützung durch die vielen Ehrenamtlichen waren wieder großartig.

Auch die äußeren Bedingungen passten. Am Morgen war es noch angenehm frisch, später mild und trocken. Im Vergleich zum heißen Schlackenmarsch 2025 waren das beinahe ideale Voraussetzungen. Wir waren gut ausgerüstet, die Verpflegung war geplant und ich fühlte mich körperlich fit.

Körperlich gab es keinen klaren Grund aufzuhören
Nach der ersten Etappe mit ungefähr 32 Kilometern wechselte ich die Schuhe. Das funktionierte hervorragend. Ich hatte keine Kreislaufprobleme, keine Magen-Darm-Beschwerden und auch mit Essen und Trinken kam ich gut zurecht.
- zwei kleine Blasen, davon bemerkte ich unterwegs nur eine
- keine nennenswerten muskulären Beschwerden
- keine Probleme mit der Verpflegung
- eine durchschnittliche Herzfrequenz von 129 Schlägen pro Minute
- ein Tempo, das für mein geplantes Ziel vollkommen ausgereicht hätte

Von außen betrachtet spricht wenig dafür, bei Kilometer 61 aufzuhören. Genau das machte die Entscheidung nicht leichter. Bei einem schmerzenden Knie oder einem rebellierenden Magen lässt sich ein Abbruch schnell erklären. Bei mir gab es kein solches eindeutiges Signal.
Aber ich merkte von Anfang an, dass ich nicht richtig rund lief. Das Tempo stimmte, doch das Gefühl dazu fehlte. Ich fand meinen Rhythmus nicht und hatte deutlich weniger Freude als sonst. Irgendwann war ich innerlich einfach leer.
Die Zahlen im Vergleich: 2024, 2025 und 2026
Die Aufzeichnungen der drei Jahre sind nicht vollständig identisch. 2024 war die Uhr während längerer Pausen angehalten. 2025 verabschiedete sie sich nach 83,67 Kilometern, die letzte Etappe wurde separat aufgezeichnet. 2026 lief die Aufzeichnung bis zu meinem Ausstieg durch. Deshalb lohnt sich der Vergleich, aber nur mit einem ehrlichen Blick auf die Datengrundlage.
| Jahr | Distanz und Ergebnis | Bewegungszeit | Verstrichene Zeit | Pace in Bewegung | Zeit ohne Bewegung | Ø Herzfrequenz |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 2024 | 60,43 km | 11:56:50 | 14:15:24 | 11:52 min/km | 2:18:34 | 131 bpm |
| 2025 | 100 km, Finish in 24:01 h | ca. 21:01 h* | 24:01 h | 12:16 min/km* | ca. 3:00 h* | 131 bpm* |
| 2026 | 61,61 km, bewusst aufgehört | 12:48:33 | 13:30:05 | ca. 12:29 min/km | 41:32 | 129 bpm |
*Die Werte für 2025 beruhen teilweise auf einer Hochrechnung. Die Garmin-Uhr zeichnete nur die ersten 83,67 Kilometer auf, die vierte Etappe wurde separat dokumentiert. Die angegebene Bewegungspace von 12:16 min/km stammt aus der Garmin-Aufzeichnung der ersten drei Etappen.
Der aussagekräftigste Vergleich ist der zwischen 2024 und 2026. Die Streckenlängen lagen fast gleichauf. 2026 war ich am Ende der Aufzeichnung trotz 1,18 zusätzlicher Kilometer 45 Minuten und 19 Sekunden früher als 2024. Ich ging zwar etwas langsamer, verlor aber deutlich weniger Zeit in den Pausen.
Auch im Vergleich zu meinem erfolgreichen Finish 2025 war ich nicht zu langsam unterwegs. Bei ungefähr 61 Kilometern lag ich ziemlich genau in meinem geplanten Zeitfenster. Mein Ausstieg war kein Zeitproblem und kein schlecht organisierter Marsch. Die nackten Zahlen sagen sogar: Es lief effizient.

Warum ich trotzdem nicht weitergegangen bin
Die Wochen vor dem Schlackenmarsch hatten mehr Kraft gekostet, als ich mir zunächst eingestehen wollte. Unser Hund Buddy war schwer erkrankt, musste operiert werden und kämpfte zeitweise um sein Leben. Zwei Wochen lang war unser Alltag geprägt von Sorge, Klinikfahrten und der Frage, wie es weitergeht.
Dazu kam ein heißer August, in dem mein Training weniger umfangreich ausgefallen war als geplant. Körperlich war ich trotzdem in der Lage, 61 Kilometer zu gehen. Mental fehlte mir an diesem Tag jedoch die Kraft, über die nächste Grenze zu gehen.
Ungefähr bei Kilometer 55 sprach ich zum ersten Mal mit Doris darüber, nach der zweiten Etappe aufzuhören. Das war kein spontaner Gedanke an der Verpflegungsstation. Ich trug die Entscheidung mindestens eine Stunde mit mir herum, prüfte immer wieder, ob sich etwas veränderte, und wusste irgendwann sehr klar: Heute möchte und kann ich diesen Weg nicht bis 100 Kilometer weitergehen.
Ein wichtiger Unterschied: Ich habe nicht aufgehört, weil es kurz unbequem wurde. Bei einer 100-Kilometer-Wanderung gehört Unbequemlichkeit dazu. Ich habe aufgehört, weil ich nach vielen Kilometern des Abwägens wusste, dass mir an diesem Tag die innere Bereitschaft für die verbleibenden Stunden fehlte.
An der Station trank ich noch einen Kaffee, hielt ein kleines Schwätzchen und ließ mich von Volker abholen. Doris ging weiter. Natürlich war ich traurig, denn ich wäre gerne noch einmal über die Ziellinie gegangen. Aber ich war gleichzeitig erleichtert und sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Habe ich das Aufhören später bereut?
Nein. Es gab keinen Moment, in dem ich dachte: Hättest du nur eine halbe Stunde länger pausiert, dann wärst du bestimmt weitergegangen. Meine Entscheidung war nicht impulsiv. Ich hatte sie unterwegs lange genug geprüft.
Fünf Tage später stand ich wieder ganz entspannt auf dem Laufband und absolvierte eine lockere Einheit mit Gehpausen. Auch das zeigte mir, dass ich rechtzeitig aufgehört hatte. Mein Körper war belastet, aber nicht zerstört. Die Regeneration verlief schnell.
Vielleicht wäre ich nach einer langen Pause noch ein paar Kilometer weitergekommen. Diese Möglichkeit besteht. Aber ein paar weitere Kilometer waren nicht mein Ziel. Vor mir lagen noch fast 40 Kilometer und viele Stunden in der Nacht. Die Frage war also nicht, ob ich irgendwie noch weitergehen konnte. Die Frage war, ob ich bereit war, den kompletten restlichen Weg zu gehen. Die ehrliche Antwort lautete nein.
61 Kilometer bleiben eine Leistung
Bis zu meinem 40. Lebensjahr war ich eher Couch-Potato als Ausdauersportlerin. Bei meinem ersten 50-Kilometer-Finish im Jahr 2022 zweifelte ich ernsthaft daran, dass ein Mensch 50 Kilometer mit Freude gehen kann.
Heute kann ich 61 Kilometer weitgehend beschwerdefrei wandern und mich innerhalb weniger Tage davon erholen. Das wird nicht wertlos, nur weil auf der Startnummer ursprünglich 100 Kilometer standen. Ein früheres Finish macht die nächste Langstrecke außerdem nicht zum Selbstläufer. An einem solchen Tag müssen Körper, Kopf, Vorbereitung und äußere Bedingungen zusammenspielen.

Im Ergebnis steht ein DNF, also „Did Not Finish“. Für mich passt trotzdem weiterhin LYB statt DNF: Listen to your body. Das ist kein bequemer Freifahrtschein, bei der ersten Schwierigkeit auszusteigen. Es bedeutet, ehrlich zu unterscheiden: Ist das gerade normale Anstrengung oder überschreite ich eine Grenze, die ich heute nicht überschreiten sollte?
Was ich aus meinem dritten 100-Kilometer-Versuch mitnehme
- Gute Zahlen garantieren kein Finish. Pace, Herzfrequenz und Pausen können passen, während die mentale Energie fehlt.
- Ein früheres Finish ist keine Garantie für das nächste. Jede Langstrecke beginnt bei Kilometer null.
- Weniger Pausen waren tatsächlich möglich. Mein Zeitmanagement war 2026 deutlich besser als in den Jahren zuvor.
- Enttäuschung und Zufriedenheit dürfen gleichzeitig da sein. Ich wäre gerne ins Ziel gegangen und halte das Aufhören trotzdem für richtig.
- Größer ist nicht automatisch besser. 50 Kilometer sind aktuell die Distanz, bei der Doris und ich Herausforderung, Freude und Alltag am besten zusammenbringen.
2027 möchten wir beim Schlackenmarsch voraussichtlich nicht erneut über 100 Kilometer starten. Stattdessen würden wir gerne als Helferinnen oder Schlussläuferinnen etwas an das großartige Team zurückgeben. Ob ich irgendwann noch einmal einen 100-Kilometer-Versuch wage, schließe ich nicht für alle Zeiten aus. Im Moment muss ich diese Frage aber auch nicht beantworten.
Mein ausführlicher Rückblick als Video
Im Video erzähle ich noch persönlicher, wie sich der Tag angefühlt hat, warum mir die Entscheidung so schwerfiel und weshalb ich sie trotzdem nicht bereue. Dazu gibt es Bilder und kurze Aufnahmen vom Schlackenmarsch.
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Du hörst lieber zu?
In Podcastfolge 107 erzähle ich den Rückblick noch einmal separat für alle, die lieber hören als sehen.
Weiterlesen: Vorbereitung und Erfahrungen rund um 100 Kilometer
Wenn du selbst eine lange Wanderung planst oder wissen möchtest, wie mein erfolgreiches Finish im Vorjahr verlief, findest du hier weitere ehrliche Einblicke:
- Mein 100-Kilometer-Finish beim Schlackenmarsch 2025
- Das packe ich für 100 Kilometer in 24 Stunden
- 100 Kilometer wandern: häufige Fragen und ehrliche Antworten
- Blasen beim Wandern vermeiden
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Noch ausführlicher wird es in meinem Erfahrungsratgeber „50 Kilometer wandern“.
Aufhören war an diesem Tag kein Aufgeben
Ich bin nicht über die 100-Kilometer-Ziellinie gegangen. Das darf mich traurig machen. Gleichzeitig bin ich dankbar, 61 Kilometer ohne größere Beschwerden gehen zu können und eine Entscheidung getroffen zu haben, die sich auch mit etwas Abstand noch richtig anfühlt.
Manchmal besteht Stärke darin, weiterzugehen. Manchmal besteht sie darin, rechtzeitig aufzuhören, ohne die bereits gegangenen Kilometer kleinzureden.
Für mehr Freude an Bewegung.
Jasmin


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